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Felix Czeike über das Buch
Die Wiener Staatsoper 50 Jahre - unser Leben
Es gibt keine österreichische Musikinstitution, die an den Bekanntheitsgrad der Wiener Staatsoper herankommt und gleichzeitig, mit den Philharmonikern untrennbar verbunden, auch international eine Spitzenposition einnimmt. Schon die ersten 75 Jahre - von der Eröffnung 1869 bis zur kriegsbedingten Schließung 1944 -waren reich an künstlerischen Höhepunkten: Komponisten, Direktoren, Dirigenten, Regisseure, Sängerinnen und Sänger sowie Mitglieder des Staatsopernballetts fügten sich in ihren Leistungen so nahtlos aneinander wie gleichwertige Perlen an einer Kette. Als die Oper 1945, nur wenige Wochen vor Kriegsende, einem Luftangriff zum Opfer fiel, waren mehr Menschen als „nur" die Opernfans betroffen, und nicht alle wagten zu hoffen, dass in einem überschaubaren zeitlichen Rahmen ein Wiederaufbau möglich sein werde. Und doch: zehn Jahre später, 1955, kaum ein halbes Jahr nach der Unterzeichnung des Staatsvertrags, war es so weit, und 2005, fünfzig Jahre danach, war es Zeit, diesem halben Jahrhundert ein Werk zu widmen, wie es kaum besser hätte geschaffen werden können.
Wenn man sich fragt, welche Voraussetzungen ein Autor mitbringen muss, der sich der Aufgabe unterzieht, eine Operngeschichte zu schreiben, die gleichermaßen Opernfans, Opernbesucher, Musikwissenschaftler und die große Schar interessierter Laien zufrieden stellt, so ist die Antwort nicht einfach. Natürlich soll der Autor die Zeit miterlebt haben; er soll ein Opernfan sein, ohne den kritischen Blick zu verlieren; er soll sich schriftstellerisch auch in jubiläumsfreien Tagen mit der Oper und den mit ihr verbundenen Persönlichkeiten (auch hier wieder von den Direktionen über die Regie bis zu den Ausführenden) beschäftigt haben; er soll sich wissenschaftlicher Exaktheit bedienen, ohne dadurch die Lesbarkeit des Werkes zu gefährden - zwar eine we-sentliche Voraussetzung für das Erreichen des Ziels, einen möglichst großen Leserkreis anzusprechen und für das Thema zu begeistern, zugleich aber eine seltene Doppelbegabung, die besonders im deutschsprachigen Raum nur selten anzutreffen ist; er soll den Lebensweg der den Zeitraum prägenden Persönlichkeiten gut genug kennen, um ihn mit der oft spröden Überlieferung konfrontieren zu können; und schließlich soll er in der Lage sein, sich dank guter persönlicher Kontakte zu Persönlichkeiten der Gegenwart Informationen zu verschaffen, die zur Abrundung der Darstellung erforderlich sind, weil den Fakten nur durch sie Leben eingehaucht werden kann. Eine riesige Wunschliste, und doch ist es gelungen, im Verleger Leo Mazakarini einen Autor zu finden, der alle diese Voraussetzungen mitbringt und dem es dadurch gelungen ist, ein faszinierendes Buch vorzulegen. Dabei kam ihm sein Talent zugute, Werke zu schreiben, bei denen er die Fakten in einen Rahmen stellt, der es dem Leser schwer macht, Lesepausen einzulegen. Die Oper lebt - dafür ist nicht zuletzt auch das Jubiläumsbuch ein guter Beweis.
Die Festschrift bietet ebenso Breite wie Vielfalt und Tiefe, löst sich vom oft kleinlichen Tagesgeplänkel, ohne dabei auf objektive Kritik zu verzichten, vermeidet es aber, subjektive Werturteile zu vermitteln, die ein ebenso falsches Bild ergäben, wie jene Kritiken, welche sich an der Tagesverfassung von Sängerinnen, Sängern und Dirigenten orientieren und diese unzulässig verallgemeinern. Oftmalige Highlights, aber hie und da auch Flops, die trotz vollen Einsatzes und grandioser Leistungen nie zu verhindern sind, Blicke hinter die Kulissen und Ziele, denen nicht selten Wunschvorstellungen zugrunde lagen, Vertrautes in neuer Fassung und heraus gearbeitete Schwerpunkte, die dem Leser zur Orientierungshilfe werden, Höhen und Tiefen ... So vereint das Werk Informationen, die auch jenen vieles zu bieten haben, die meinen, die Oper als Bühne und/oder als Kunstform gut genug zu kennen, und persönliche Erinnerungen, die es in ihrer Darbietung gar nicht zu verleugnen suchen, dass der Autor eine Liebeserklärung abgeben will, die durch eine durchgehende (so weit als möglich farbige) Bebilderung zusätzliche Akzente erhält, weil sich Wort und Bild zu einem Ganzen verbinden. Ein Buch zum Auffrischen der Erinnerung, zur Vertiefung des Erlebten, zur Einführung in ein komplexes Thema, aber auch zum Schmökern für jene, die vielleicht für die Musikgattung Oper neu gewonnen werden können - ein Buch, das dank seiner Verbindung von Musik-, Kultur- und Zeitgeschichte in keiner Privatbibliothek fehlen sollte.
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